Lageplan der saisonalen Fußgängerzone zwischen Alpenplatz und Edelweißplatz

Sommer am Alpenplatz

Erfahrungen aus der testweisen saisonalen Umnutzung von Straßenraum zwischen Edelweiß- und Alpenplatz

Es war eine Premiere für Giesing und für München. Am Alpenplatz wurde im Sommer 2019 der Straßenraum zur saisonalen Fußgängerzone. Während zwei Monaten waren Edelweiß- und Alpenplatz testweise vereint. Ziele waren, auszuprobieren wie öffentlicher Raum umverteilt werden könnte, Diskussionen über die Nutzungen der bestehenden Plätze anzustoßen, sowie im Rahmen eines Pilotprojekts Erfahrungen über die Abläufe saisonaler Projekte zu sammeln.

Der Straßenraum um den Alpenplatz hatte Potential für einen solchen Test, da die Projektidee vor Ort entstand und die Verbindung zweier Plätze einen städte­baulichen Mehrwert bietet. Zugleich garantierte die überschaubare Größe, dass ein Test verträglich und in kurzer Zeit machbar wäre.

Von der Idee zur Umsetzung

Die Projektidee wurde vom Bezirksausschuss und durch die Bürgerversammlung in 2018 initiiert. Beantragt wurde eine testweise sogenannte „Sommerstraße“, um Edelweiß- und Alpenplatz zu verbinden und den Verkehr zu reduzieren. In einer Sommerstraße wird die Verkehrsfläche während des Sommers zugunsten des Fußverkehrs und der Aufenthaltsqualität genutzt. So können in städtebaulich sinnvoller Lage Verkehrsräume auch als Aufenthalts-, Sport- oder Ruhebereiche genutzt werden. Die Umsetzung sollte im Austausch mit Anwohnenden, den angrenzenden Ladenlokalen und der Lokalpolitik erarbeitet werden.

Auf zwei Infoveranstaltungen wurde daraufhin diskutiert: Wo, was, für wie lange? – und ob überhaupt. Parallel wurde durch die Stadtverwaltung geprüft, wie diese Ziele möglichst harmonisch erreicht werden könnten.

Euphorie und Skepsis

Zu den Infoveranstaltungen des Bezirks­ausschusses in Kooperation mit dem MGS Stadtteilmanagement in den Restaurants am Alpenplatz wurden die Anwohnenden jeweils per Briefwurf eingeladen. Die Anwesenden waren zwiegespalten – einerseits euphorisch, andererseits skeptisch. Bei den Kritikern war die Sorge über wegfallende Parkplätze die dominanteste. Potentielle Ruhe­störungen durch Spielen auf der Straße und eine Ausweitung von kommerziellen Ausschankflächen wurden auch genannt. Begrüßt wurde, dass die Plätze verbunden werden könnten, es mehr Sitzgelegenheiten gäbe und etwas Neues ausprobiert würde. Auch die Möglichkeit, eine Diskussion zu der gesamten Platzsituation anzustoßen, kam gut an. Bei der Diskussion offenbarte sich auch, dass es Nutzungskonflikte zwischen Generationen auf den bestehenden Freiflächen gab. 

Die angrenzenden Einzelhändler hatten sich durchweg sehr aufgeschlossen gezeigt: Sie wollten es testen.

Der Bezirksausschuss hatte auf Grundlage des Stimmungsbildes der Informationsveranstaltungen und im Rahmen einer Ortsbegehung mit der Stadtverwaltung ausgiebig beraten und sich für einen Test ausgesprochen. Kontrovers diskutiert wurde im Gremium die Forderung nach Kompensation der entfallenden Stellplätze durch zusätzliche Parkplätze in der Unteren Grasstraße. Eine Forderung, die letztlich bei der Umsetzung nicht erfüllt werden konnte. Zudem hatte sich der BA für eine dauerhafte Verbesserung der Platz­situation ausgesprochen.

Aus 2 mach 1!

Im Juni 2019 hatte der ­Stadtrat beschlossen, vom 13. Juli bis zum 8. September – dem Tag nach Ois Giasing! – erstmals in ­München am Alpenplatz eine testweise saisonale ­Fußgänger­zone einzurichten. Der genaue Ort und die Dauer orientierten sich an den Ergebnissen der beiden Informationsveranstal­tungen. ­Somit wurden in Summe 21 Stellplätze südlich des Alpenplatzes sowie vor dem Restaurant Alpenhof zeitlich befristet umgenutzt. Die Fläche wurde mit Sitzgelegenheiten und Pflanz­gefäßen möbliert und für Autos gesperrt. Die Erreichbarkeit der Wohnhäuser für Rettungsfahrzeuge und Müllabfuhr war jederzeit gewährleistet.

Parallel wurde für die Projektlaufzeit in der Edelweißstraße eine un­echte Einbahnstraße eingerichtet, d.h. das Einfahren wurde eingeschränkt (kein Linksabbiegen von der Tela; keine Einfahrt aus Norden ab Kreuzung „Am Bergsteig“). In der Edelweißstraße konnte weiterhin in beide Richtungen gefahren werden, es konnte auch in alle Richtungen ausgefahren werden.

Eine Gruppe Anwohnender hatte zudem eine ­Förderung aus dem Verfügungsfonds der Sozialen Stadt Giesing durch die Koordinierungsgruppe Giesing ­genehmigt bekommen, um kleinere Gestaltungen und Veranstaltungen während der Projektzeit in Eigen­leistung umsetzen zu können.

Um einige Erfahrungen reicher

Es war ein diskussionsreicher Sommer am Alpenplatz – jede und jeder hatte sich während des Tests eine Meinung bilden können. Die einen fanden es super, die anderen sahen für sich keinen Mehrwert. Um Erfahrungen aus dem Projekt zu ziehen, wurden die Meinungen abgefragt, via E-Mail an saisonale-projekte@muenchen.de und durch Passantenbefragungen an Ort und Stelle. Zudem fanden zu verschiedenen Tageszeiten Begehungen durch das Kreisverwaltungsreferat und durch das Referat für Stadtplanung und Bauordnung statt, um die Nutzungen und die Parksituation einschätzen zu können. Zur Verkehrsmenge fanden Zählungen durch ein Verkehrsplanungsbüro statt.

Unter anderem die Maßnahme der unechten Einbahnstraße sorgte für 30 % weniger Verkehr in der Edelweißstraße.

Die Beobachtungen zur Parkplatzsituation zeigen, dass – wie vor Projektbeginn angenommen – im Areal um den Alpenplatz grundsätzlich ein hoher Parkdruck herrscht. Vereinzelt wird auf Gehsteigen oder in Halteverbotszonen geparkt, in einem Radius von ca. 400m waren jedoch regelmäßig ausreichend Stellplätze verfügbar. Die während acht Wochen entfallenen 21 Stellplätze waren somit verträglich – insbesondere auch, weil aufgrund der Sommerferien weniger Stellplatznachfrage herrschte.

Im gesammelten Feedback gab es viel Lob über mehr Ruhe, mehr Platz und mehr nachbarschaftlichem Leben und Kontakt. Kritische Meinungsäußerungen drehten sich hauptsächlich um die Parkplatzsituation, die Art der Möblierung sowie um Kritik grundsätzlicher Natur: „Eine Straße ist eine ­Straße und kein Kinderspielplatz“. Festzustellen war auch die Forderung nach verstärkter Bürgermitwirkung. So wurde eine repräsentative verbindliche Abstimmung der ­Anwohnenden gefordert.

Die Mehrheit eint der Wunsch, die Platzsituation im Allgemeinen zu verbessern: eine ansprechende Gestaltung zu erhalten, Tempo und Schleichverkehr zu reduzieren, die Rasenfläche am Alpenplatz und die Bänke am Edelweißplatz zu erneuern, das Kunstwerk „torre ­pendente“ von Rudolf Wachter zu sanieren, Fahrradabstellplätze zu schaffen und Nutzungen für alle Altersgruppen zu ermöglichen bzw. Nutzungskonflikte zu entschärfen.

Nicht vor meiner Haustüre

Das Projektziel war klar: Testen wie öffentliche Verkehrsfläche bedarfsgerecht, städtebaulich und freiraumplanerisch sinnvoll umverteilt werden kann. Der Wegfall von Parkplätzen ist der logische Preis für mehr Raum für den Fußverkehr. Es ist zudem eine stadtplanerische Realität, dass unter den Bedingungen steigender Kfz-­Zulassungszahlen, weiterem Bevölkerungswachstum, wie z.B. am benachbarten Paulaner-Areal, mangelhafter Luftqualität, wie entlang der Tela und dem stadtweiten Ziel von CO2-Einsparungen neue Wege getestet werden müssen. In den Diskussionen am Alpenplatz spiegelten sich die großen Themen der Stadtentwicklung: ­Mobilität, Nutzung öffentlicher Räume, Selbstinteresse vs. ­Allgemeininteresse sowie der Zwiespalt zwischen einem verbesserten Wohnumfeld und der damit verbundenen Sorge um steigende Mietkosten. Hinzu kommt, dass die Bebauung des Paulaner-Areals und die Diskussionen um eine Erneuerung des Kroneparks im Frühjahr 2019 im Gebiet die Sensibilität vor Veränderungen erhöht haben.

Es war auffällig, dass Meinungsäußerungen oft sehr stark auf eigene Interessen bezogen waren. "Die sind doch nur zu faul, um in den Kronepark zu gehen." werfen Hundebesitzer den Familien vor, ohne sich zu fragen, ob sie nicht eigentlich selbst zum Bergsteig gehen müssten, wo eine ausgewiesene Hundewiese ist. Das zeigt, dass eine Debatte über den öffentlichen Raum anstrengend ist, aber auch in einer gewissen Regelmäßigkeit geführt werden muss, damit die verschiedenen Nutzungs­bedürfnisse fair besprochen und Vereinbarungen getroffen werden können.  Das dürfte die Herausforderung für die weiteren Schritte sein.

Pläne für 2020

Es gab in Summe eine große Offenheit, das Projekt testweise durchzuführen. Auf der dritten Informationsveranstaltung zum Abschluss im November 2019 war ein Patt zwischen Skeptikern und Befürwortern auszu­machen. Somit planen Bezirksausschuss und Stadtverwaltung in 2020 keine unmittelbare Wiederholung des Tests, auch wenn dies organisatorisch möglich wäre und oft gewünscht wurde. Zur Prüfung von Optionen für eine Verbesserung der Platzsituation am Alpenplatz entsteht ein politischer Auftrag an das Baureferat seitens des Oberbürgermeisters (Vor-Ort Besuch im März 2019), des Stadtrats vom Beschluss im Juni 2019 sowie durch den Antrag des BAs im Mai 2019. Das Baureferat werde dem Stadtrat eine dauerhafte Umgestaltung nur ­vorschlagen, wenn ein klares Votum aus Bezirksausschuss und Bürger­schaft vorliegt. Ein wichtiges Ziel hierfür hatten sich die Anwohnenden auf der letzten Informationsveranstaltung im Jahr 2019 bereits gemeinsam gesetzt: „Lasst uns zusammen an einem schönen Alpen- und Edelweißplatz arbeiten.“

Torsten Müller, MGS Stadtteilmanagement Giesing

Weitere Informationen

Presseberichte, einen Kurzfilm über das Projekt, alle Anträge und Beschlüsse, sowie die Dokumentation der Informationsveranstaltungen finden Sie unter: stadtteilladen-giesing.de/alpenplatz

Bericht aus dem Giesinger 01 | 2019: Fußgängerzone im Sommer?

Dieser Artikel ist auch erschienen in: Standpunkte (April/Mai 2020), dem Magazin des Münchner Forums.