Die Ergebnisse der Verein­s­arbeit im öffentlichen Raum: ­Das ­Schmücken des Weihnachts­baums an der Giesinger ­Geschichtssäule am Tegernseer Platz. Die Freunde Giesings haben 1991 die ­Giesinger Geschichtssäule ermöglicht. Das Baumschmücken wird mit­organisiert von Wir in Giesing. Foto: MGS

Für Giesing engagieren

Interview mit den Stadtteilvereinen „Wir in Giesing“ und „Freunde Giesings“

Die Freunde Giesings sind ein gestandener Verein. Er hat in 2019 sein 40jähriges Jubiläum gefeiert. Wofür steht der Verein?

Sebastian Wuttke: Die Freunde Giesings haben sich selbst zum Ziel gesetzt, die Stadtteilkultur zu fördern. Zum einen erreichen wir das dadurch, dass wir uns mit der Geschichte Giesings beschäftigen – fast alle Publikationen zur Stadtteilgeschichte Giesings sind von uns herausgegeben worden – zum anderen z.B. durch Veranstaltungen, Stadtteilführungen und Ausstellungen. Durch die Freunde Giesings ist der Giesinger Bahnhof als Stadtteilkulturzentrum entstanden, den wir auch als Träger­verein betreiben. Wir haben also heute zwei zentrale Aufgaben: Erstens sind wir als Träger für den Betrieb des Giesinger Bahnhofs zuständig, das bedeutet Unterhalt und Programmorganisation. Für letzteres haben wir die Geschäftsführung des Giesinger Bahnhofs, Sara Sepheri, angestellt und erhalten dafür durch das Kulturreferat der Stadt München eine Regelförderung. Zweitens führen wir die ideelle Vereinstätigkeit fort: Durch den Arbeitskreis Geschichte genauso wie durch Veranstaltungen, Ausstellungen und auch weiterhin durch Publikationen zur Stadtteilgeschichte. Ich selbst bin seit 2017 dabei und seit Juni 2019 Vorstandsvorsitzender.

Wir in Giesing ist hingegen der jüngste Verein im Stadtteil.

Simone Wittmann: Uns gibt es seit Januar 2019. Zur dauerhaften Fortführung von Ois Giasing! war es notwendig, eine rechtliche Struktur zu schaffen. Das war die Anfangsmotivation, den Verein zu gründen. Uns war jedoch schnell klar, dass wir darüber hinaus eine Plattform für mehr sein möchten. Unsere Ziele haben wir daher breiter gefasst: die Förderung bürgerschaftlichen Engagements, von Kunst und Kultur sowie des demokratischen Miteinanders.

Was sind eure aktuellen Herausforderungen?

Simone Wittmann: Ois Giasing! fordert uns nach wie vor sehr und das wird wohl noch länger so sein. Letztlich bindet das Fest die damit befassten Personen ein dreiviertel Jahr. Von der Abrechnung geht es gefühlt reibungslos wieder in die Planungen. Für Ois Giasing! brauchen wir daher noch etwas mehr „human-power“. Das Fest sollte durch eine Arbeitsgruppe organisiert werden und nicht den kompletten Vorstand binden. Parallel geht es uns darum, den Verein weiter aufzubauen und zu stärken, damit Kraft für weitere Projekte bleibt. Da gibt es ja immer genug Ideen! Konkret heißt das, neue Mitglieder zu gewinnen und unsere Struktur weiter auszubauen Wenn man nach Engagement ruft, muss auch klar sein, wie und für was man sich engagieren kann. Wir brauchen Arbeitsgruppen mit eingespielten Kernteams, die sich nicht um Vereinsmeierei scheren müssen. Das ist Sache des Vorstands, aber der muss dafür den Rücken frei haben – sonst wird die Belastung grenzwertig.

Wie sieht es bei den Freunden Giesings aus?

Sebastian Wuttke: Wir haben ja eine über die Zeit ­gewachsene Struktur. Mein Vorgänger Horst Walter war 20 Jahre im Vorstand! Er hat extrem viel für den ­Giesinger Bahnhof und den Verein getan. Das sind Fußstapfen, die ich allein schlicht und einfach nicht ausfüllen kann. Der Vorstandswechsel hat dementsprechend dazu geführt, dass wir uns auch in Teilen neu sortieren mussten und Aufgaben innerhalb des Vorstands besser aufgeteilt haben. Konkrete Herausforderungen sind ­Renovierungen im Giesinger Bahnhof sowie der geplante Anbau, unser Magazin, das bereits seit Jahren auf ­unserer Agenda steht. Wir arbeiten an einem zeit­gemäßen Onlineauftritt von Verein und Kultur­zentrum und auch an einem neuen Corporate Design. Eine langfristigere Herausforderung ist eine drohende Überalterung des Vereins. Ich war mit meinen 29 Jahren bis vor kurzem noch das jüngste Mitglied! Hier müssen wir weiter daran arbeiten, attraktiver für jüngere Mitglieder zu werden und mehr Menschen von der Geschichte Giesings begeistern.

Zielt ihr auf eine breite Mitgliederbasis ab oder sucht ihr gezielt Menschen, die tatkräftig mitwirken?

Sebastian Wuttke: Sowohl als auch. Ehrenamtliche Arbeit ist unsere Grundlage. Unsere Zielgruppe sind alle, die Giesing gestalten möchten. Jeder sollte die Möglichkeit haben, das beizutragen ,was er oder sie zu leisten bereit ist. Die einen wollen ideell sowie finanziell unterstützen. Die anderen wollen Freizeit und Engagement geben. Z.B. durch Stadtteilführungen, die Mitarbeit bei Recherche und Debatte und aus den Ergebnissen Bücher oder Ausstellungen konzipieren.

Simone Wittmann: Da schließe ich mich voll an. Es muss viele Optionen zum Mitwirken geben. Zumal Mitglieds­beiträge einen Verein nie komplett finanzieren können. Bei uns sind das 60 Euro im Jahr, für Familien 90 Euro und ermäßigt 30 Euro. Diese Beiträge machen viel möglich, aber ohne die Leute, die anpacken wäre es ganz schön fad. Auch unter denen ist das Engagement aber sehr unterschiedlich. Die einen kommen gerne ­regelmäßig zum Stammtisch, die anderen packen lieber mal gezielt an einem Samstag ordentlich an.


Obergiesing hat eine lebendige Stadtteilkultur: u.a. wichtige Institutionen, Kneipen mit Kulturangeboten, eine agile Musik- und Fanszene. Was fehlt eurer Meinung nach und welche Schwerpunkte wollt ihr setzen?

Simone Wittmann: Also an zu viel Kultur ist ja noch keiner erkrankt. Wir finden, dass der öffentliche und halb­öffentliche Raum noch mehr in den Fokus genommen werden sollte. Da kommt die Kultur ganz unvermittelt in den Alltag der Menschen. Das würden wir gerne auch an städtebaulich erstmal weniger auffälligere Orte bringen wie z.B. den Wettersteinplatz oder den Ella-­Lingens-Platz. Auch Geschäfte und die Buchhandlungen – die wir ja dankenswerterweise haben – sind Orte des aktiven Austauschs der Bevölkerung, da darf auch mal etwas Schräges, Unerwartetes stattfinden. Manchmal ist es auch ganz gut wieder Dinge zu bündeln: Am ­Giesinger Bahnhof gibt es ein Sommerfest, kurz darauf das Ois ­Giasing!, im Advent finden sehr viele kleine ­Dinge statt, was man beim „Obergiesinger Adventsfensterln“ gesehen hat. Die Vielfalt ist genau das, was Giesing so schön macht. Manchmal sind die Angebote gemeinsam aber stärker, da würden wir gerne als Plattform unterstützen.
Zudem finden wir, dass Vereinsmeierei zwar ein schönes deutsches Wort ist, aber keine rein deutsche ­Tugend. In Giesing wohnen traditionell viele Menschen mit Migrationshintergrund; in manchen Teilen sind es über 50 Prozent. Die müssen sichtbarer werden, auch in den Strukturen. Kultur ist doch der beste Weg dafür!

Sebastian Wuttke: Ein größerer Veranstaltungssaal wäre gut für den Stadtteil. Für das St.-Martin-Spital ist ja eine Sanierung geplant. Im Zuge dessen soll die dortige ehemalige Kapelle zum Veranstaltungsraum werden. Das finde ich eine tolle Sache für Obergiesing! Da wir schon lange einen engen Kontakt zur Münchner Volkshochschule pflegen, freue ich mich, eventuell hier das Programm mitprägen zu können und den Veranstaltungsraum auch für Kulturveranstaltungen unseres Hauses nutzen zu können. Ein Plan ist auch unser umfangreiches Fotoarchiv Giesings – mit nach Straßen geordneten Fotografien – digital zugänglich zu machen. In Zeiten der Digitalisierung und frei zugänglichen Wissens ist das ein Gebot der Stunde und soll in Zukunft einen Schatz für die Giesingerinnen und Giesinger darstellen.

Was sind eure Pläne für 2020?

Sebastian Wuttke: Wir machen im ersten Halbjahr unsere Hausaufgaben: Neue Homepage, Anbau unter Dach und Fach bringen, und die Infrastruktur im Haus verbessern. Im zweiten Halbjahr können wir hoffentlich wieder mit Veranstaltungen aktiver werden.

Simone Wittmann: Am Samstag, den 5. September ist Ois Giasing! Ab März können sich wieder Interessenten zum Mitmachen melden: bei der Orga, als Spielort oder mit einem Programmbeitrag. Das erste Mitmachertreffen findet auch schon Mitte März statt. Ansonsten wollen wir am Grünspitz kleinere Kulturangebote umsetzen. Und wir haben ins Auge gefasst, das Thema alternativer Weihnachtsmarkt in Giesing anzugehen. Das ist ein spannendes und ungewöhnliches Projekt, das wir ab dem Frühjahr mal sondieren wollen.

In den politischen Debatten hört man häufig, bürgerschaftliches Engagement müsse besser gefördert werden. Seid ihr zufrieden mit der Förderstruktur in München?

Simone Wittmann:  Ja, das sind wir im Großen und Ganzen. Wir fühlen uns z.B. vom Bezirksausschuss sehr gut unterstützt. Das ist toll! Auf den ­anonymeren ­Ebenen mit der Stadtverwaltung ist es manchmal ­zäher. Beschweren kann man sich eigentlich nicht, aber ­Förderungen machen teilweise sehr viel Arbeit. Ein ­etwas grundlegenderes Problem sehen wir in der Skepsis, ­laufende Kosten zu fördern. Den sogenannten Overhead – Lizenzkosten für Software, Büromaterial, Steuerberater – mag keiner gerne fördern. Daher sind die Mitglieds­beiträge so wichtig und ein gutes Fundraising.

Sebastian Wuttke: Ehrenamt ist in der bayrischen Verfassung verankert: „Alle Bewohner Bayerns sind zur Übernahme von Ehrenämtern, […] verpflichtet. Staat und Gemeinden fördern den ehrenamtlichen Einsatz für das Gemeinwohl.“ Das sollte jeder auf eine Art, die ihm zumutbar ist, machen. Ich finde, dass wir hier zivil­gesellschaftlich etwas Nachholbedarf haben. Unterstützt werden wir von Kultur-, Kommunal- und Baureferat, sowie der gesamten Stadt München übrigens sehr gut. Wir brauchen uns ja gegenseitig.

Wie wird man denn Mitglied bei euch?

Simone Wittmann: Natürlich durch das Ausfüllen eines Mitgliedsantrags. Wir basteln auch gerade an der Homepage, dort wird man ihn dann herunterladen können. Bis dahin kann man uns eine Mail schicken. Im Stadtteilladen Giesing gibt es aber auch Exemplare. Wir machen regelmäßig offene Vereins-Stammtische in geselliger Atmosphäre. Dort kann man neue Ideen einbringen oder mal reinschnuppern, wie wir so riechen. Auf den Mitmachertreffen zu Ois Giasing! geht es nicht um den Verein, aber da kann man sich auch einbringen und Leute kennenlernen, oft ist das ja der viel angenehmere Einstieg.

Sebastian Wuttke: Unser Mitgliedsantrag liegt im Giesinger Bahnhof aus und natürlich können sich alle Interessierten jederzeit bei mir per Mail oder Telefon melden. Sobald die Homepage fertig ist, wollen wir auch hier einfach die Möglichkeit bieten, Mitglied zu werden. Unser Mitgliedsbeitrag beträgt mindestens 15 Euro.

  • Simone Wittmann ist ­Vorstandsvorsitzende von Wir in Giesing e.V., dem Verein der seit 2019 Ois ­Giasing! organisiert.  Fotos: Simone Wittmann

  • Simone Wittmann ist ­Vorstandsvorsitzende von Wir in Giesing e.V., dem Verein der seit 2019 Ois ­Giasing! organisiert.  Fotos: MGS

  • Sebastian Wuttke ist Vorstandsvorsitzender der Freunde Giesings, die u.a. das Kulturzentrum ­Giesinger Bahnhof betreiben. Fotos: Sebastian Wuttke

  • Sebastian Wuttke ist Vorstandsvorsitzender der Freunde Giesings, die u.a. das Kulturzentrum ­Giesinger Bahnhof betreiben. Fotos: MGS

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